001 Aber sind sie überhaupt eine Sekte?

Jeder kennt die Zeugen Jehovas, aber kaum jemand weiß wirklich etwas über sie. Oder wusstest du, dass sie in Deutschland seit 2017 eine anerkannte Kirche sind? Aber warum halten sie viele Menschen für eine Sekte?

In der ersten Folge des neuen Zeugen Jehovas-Podcasts Goodbye, Jehova! Der Podcast über die bekannteste Sekte der Welt gehe ich dieser Frage nach.

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Buch: Goodbye, Jehova! Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ

Musik: Miles Matrix – Entity Relationship Diagram

Eine Abschrift der Folge inklusive aller Links und Quellen findest du im

Transkript

Sie stehen vor deiner Tür, in der Fußgängerzone, vor Bahnhöfen und in Parks: Jeder kennt die Zeugen Jehovas, aber nur wenige wissen wirklich über sie Bescheid.

Ich wuchs als Zeuge Jehovas auf und verbrachte meine gesamte Kindheit und Jugend in der Gemeinschaft, bis ich sie mit 20 verließ.

Mein Name ist Misha Verollet, und ich bin der Autor des Buches “Goodbye, Jehova! Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ”. In diesem Podcast setze ich das Buch fort mit noch mehr Geschichten und Anekdoten von einem, der dabei war. Ein kurioser, lustiger, trauriger, aufklärender Blick hinter die Kulissen einer sonderbaren Parallelwelt.

Folge 1: “Aber… sind sie überhaupt eine Sekte?”

Dabei würde man ja meinen, dass es nichts mehr über die Zeugen Jehovas zu erzählen gibt. Jeder weiß von ihnen, jeder kennt sie, jeder kennt einen, oder kennt jemanden, der einen persönlich kennt oder war mit einem in der Schule, und so manche haben schon im New York-Urlaub ein Foto gemacht vor dem leuchtend roten “Watchtower”-Schriftzug auf ihrer ehemaligen Weltzentrale.

Jeder hatte sie schon mal an der Tür, jeder hat schon mal welche abgewimmelt oder aus Höflichkeit und Mitleid eine Zeitschrift angenommen, nur um sie eine Woche später wieder auf der Fußmatte stehen zu haben.

Fast jeder hat eine Geschichte: Von einer Klassenkameradin, die nicht mit auf Klassenfahrt durfte oder der eine Kollege, der weder Weihnachten noch Geburtstage feiert. Und manchmal ist eine Geschichte über eine Zeugen Jehovas-Familie, deren Verweigerung einer Bluttransfusion tödlich endete.

Ja, das sind Klischees, aber sie stimmen eben auch, wie so vieles, was man über die Zeugen weiß: Sie feiern keine Geburtstage, auch kein Weihnachten, sie nehmen keine Bluttransfusionen an und ja, sie nehmen ihren Predigtdienst sehr ernst.

Ihr “von Haus zu Haus gehen”, wie sie es zu meiner Zeit nannten, ist gar so bekannt, dass es gern mal in Büchern und in Filmen aufgegriffen wird, und sogar vor vielen Jahren Teil des Comedy-Programms von Michael Mittermeier war. Nicht wenige Zeugen Jehovas sind wegen dieses Witzes in seinem Programm Fans von Mittermeier geworden. Das muss man ihnen nämlich durchaus lassen:

Zeugen Jehovas nehmen Witze über sie mit Humor. Und wenn sie nicht drüber lachen können, so halten sie Witze, selbst Beleidigungen für eine Art Auszeichnung. Nicht nur, weil Roasts im Trend sind und Menschen Gegenwind gerne mal als Bestätigung verstehen – sie halten es für eine Erfüllung des Bibelverses in Johannes 15:20: “Denkt an das, was ich euch gesagt habe: Ein Sklave ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen.” Jehovas Zeugen sehen sich da voll und ganz in der Tradition der ersten Christen. Ob von Kaiser Nero geroastet oder Michael Mittermeier, was macht das schon für einen Unterschied.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wer mit seinem Werk in die gesellschaftliche Folklore aufgeht, hat einen gewissen Bekanntheitsgrad, und ohne jeden Zweifel sind Zeugen Jehovas neben Scientology die bekannteste Sekte der Welt.

Aber sind sie das überhaupt? Eine Sekte? Das wollten wir klären, bevor wir uns anderen Themen zuwenden. Die Frage ist auch deshalb legitim, weil viele Menschen Zeugen Jehovas persönlich aus dem Alltag kennen, als Nachbarn oder als Arbeitskolleginnen, und dabei die Erfahrung machen, dass das im Alltag sehr freundliche, angenehme Menschen sind. Häufig ist dann zu hören: Also, das fühlt sich ja gar nicht wie eine Sekte an.

Aber weder hier im Podcast noch bei der Frage, ob sie eine Sekte sind, geht es darum, ob einzelne Zeugen nette, gute Menschen sind. Womit ich mich beschäftigen möchte ist die Ideologie der Zeugen Jehovas und ihre praktische Auswirkung auf das Leben einzelner, sowie die gesellschaftlichen Implikationen.

Die Eigenwahrnehmung ist natürlich, dass sie keine Sekte sind. Als Mitglied war ich überzeugt davon, nicht in einer Sekte zu sein. Sekten waren die anderen, Scientology, Branch Davidians, die Mormonen, die Neuapostolische Kirche. Aber wir? Auf keinen Fall. Für solche Unterstellungen hatten wir nur ein müdes Lächeln über. Wir waren überzeugt, völlig frei zu sein. Die Gefangenschaft fällt ja erst so richtig auf, wenn man sich aus der Gruppe entfernt und dem Zaun nähert.

Bei der Frage, ob die Zeugen Jehovas eine Sekte sind, gilt es zu unterscheiden: Zwischen dem offiziellen Status auf der einen und meiner persönlichen Meinung, sowie der Einschätzung von Experten auf der anderen.

Was macht eine Sekte aus? Ich sprach in Vorbereitung auf diese Folge mit Lloyd Evans. Lloyd ist wie ich ehemaliges Mitglied der Glaubensgemeinschaft, Herausgeber der Website jwsurvey.org und einer der führenden Zeugen Jehovas-Experten. Im Gespräch erzählte er mir, dass er als agnostischer Atheist wenig mit dem Begriff Sekte anfangen kann, da er alle religiösen Gruppen, die Dogmen vertreten und Leid verursachen als Sekten einordnen würde.

Er differenziert dabei zwischen Sekten light und extremen Sekten. Gruppen, die man ohne Konsequenzen verlassen kann könnte man so als light Version einer Sekte einordnen, während er Gruppen mit extremen Ansichten und bei denen ein Ausstieg mit lebensverändernden Einschnitten verbunden ist als extreme Sekten betrachtet.

Dieser Faktor war eine der entscheidenden Fragen im richtungsweisenden Prozess 2004 in Berlin, in dem es um die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts ging. Fast forward, und Jehovas Zeugen sind seit 2017 in allen deutschen Bundesländern eine sog. K.d.ö.R, besser bekannt als öffentlich-rechtliche Religionsgesellschaft, noch besser bekannt als, nun, Kirche. So wie die evangelischen Landeskirchen oder katholischen Bistümer, die neuapostolische Kirche oder die Altkatholische Kirche.

Diesen sind die Jehovas Zeugen gleichgestellt und haben damit auch die gleichen Rechte, zum Beispiel das Recht auf Kirchensteuer. Stand heute nehmen die Zeugen dieses Recht nicht in Anspruch, das wäre auch bizarr, haben sie die großen Kirchen in der Vergangenheit dafür immer gerügt. Wie sich die Zeugen stattdessen finanzieren, das ist ein Thema für eine ganz eigene Folge.

Die Zeugen also sind in Deutschland höchstoffiziell eine richtige Kirche.

Nicht nur Ex-Zeugen kritisieren diese Entscheidung. So kritisierte 2004 Dr. Andreas Fincke, Experte für christliche Sondergemeinschaften und bis 2007 stellvertretender Leiter der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen das Urteil des Oberverwaltungsgerichts in Berlin, weil es ausschließlich nach Aktenlage gefällt worden war, sprich: der vorsitzende Richter habe die “Fülle von Betroffenenberichten” weitestgehend ignoriert, die von den psychischen Sanktionen erzählten, mit denen Aussteiger konfrontiert sind.

Seine rhetorische Frage: “Muss es nicht stutzig machen, wenn eine Gemeinschaft mit etwa 160.000 Mitgliedern eine solche Fülle von berichtenswerten Einzelschicksalen produziert?”[1] Thomas Gandow vom Landeskirchlichen Pfarramt für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz schrieb in seiner Pressemitteilung: “Dem Gericht lag zwar eine Fülle von Berichten von Austrittswilligen und Ausgetretenen über Repressalien und Probleme vor. Das Gericht stellte diese, meiner Meinung nach durchaus glaubwürdigen Berichte aber in Frage mit dem Hinweis auf die jeweils zu überprüfende besondere psychische Verfassung der Berichtenden. Und hielt es nicht für nötig, auch nur einen der Betroffenen anzuhören.”

Die Repressalien, von denen hier gesprochen wird, ist der sogenannte Gemeinschaftsentzug, eine extreme Form der Exkommunikation.

Ein Gemeinschaftsentzug wird dann ausgesprochen, wenn ein entsprechender Sündenfall samt fehlender Reue vorliegt – dann wird das getaufte Mitglied durch ein Komitee aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas ausgeschlossen.

In ihrer Literatur nennen sie den Gemeinschaftsentzug wortwörtlich einen “Ausdruck von Liebe” und beschreiben ihn so:

“Alle in der Versammlung können grundsatztreue Liebe zum Ausdruck bringen, indem sie sich weder mit dem Ausgeschlossenen unterhalten noch mit ihm Umgang haben (…) Familienmitglieder können ihre Liebe zur Versammlung und zum Missetäter zeigen, wenn sie den Gemeinschaftsentzug respektieren.”[2] 

Was genau heißt es für Familien, den Gemeinschaftsentzug eines Familienmitglieds, eines Freundes, eines Glaubensgeschwisters zu respektieren? Ich zitiere die Literatur der Zeugen Jehovas:

“Gottes Wort sagt, wir sollten nicht einmal mit einem [Ausgeschlossenen] essen (1. Kor. 5:11). Daher sollten wir auch keinen gesellschaftlichen Umgang mit einem Ausgeschlossenen haben. Das schließt aus, mit ihm zu picknicken, zu feiern, Sport zu treiben, einzukaufen, ins Theater zu gehen, sich mit ihm zum Essen in der Wohnung oder in einem Restaurant zu treffen. (…) Loyale Christen sollten sich bemühen, keinen unnötigen Kontakt zu solchen Verwandten zu haben, und sogar Geschäftsbeziehungen auf ein Mindestmaß beschränken.”[3]

In anderen Worten: Mitgliedern der Jehovas Zeugen wird wärmstens empfohlen, so gut es geht jeglichen Kontakt mit einem Ausgeschlossenen zu vermeiden, egal, ob engste Familienangehörige oder entfernte Bekannte betroffen sind. Und wenn ich hier euphemistisch von Empfehlungen spreche, so hört sich das ja gern mal für Außenstehende an, wenn in der Literatur statt eines Imperativs oberflächlich schwammige Formulierungen wie “Loyale Christen sollten sich bemühen, keinen unnötigen Kontakt zu solchen Verwandten zu haben”, wenn ich also von Empfehlungen spreche, dann meine ich: verpflichtende Vorgaben, quasi Gesetze, deren Missachtung Konsequenzen haben. Die reine Mühe reicht nicht, die konkrete Umsetzung wird erwartet.

Denn: Wer mit Ausgeschlossenen Kontakt hat, läuft Gefahr, selbst ausgeschlossen zu werden. Das denke ich mir nicht aus: Im Handbuch für Älteste wird unter den Gründen für ein Rechtskomitee, das über den Gemeinschaftsentzug entscheidet geschrieben: Wenn es Mitglieder gibt, die “dafür bekannt [seien], unnötigen Umgang mit Verwandten zu haben, die (…) ausgeschlossen sind, sollten Älteste mit ihnen reden”.

Ein Gemeinschaftsentzug droht, wenn die Person “beharrlich” Gemeinschaft mit dem ausgeschlossenen Verwandten sucht. Doch damit nicht genug: Ein Rechtskomitee, wie das interne Tribunal heißt, wird auch dann schon tätig, wenn jemand “immer wieder offen den Gemeinschaftsentzug” kritisiert.

Jetzt stell dir mal vor, du bist überzeugter Jehovas Zeuge. Dummerweise wird dein erwachsenes Kind ausgeschlossen. Du liebst es über alles, aber gleichzeitig hast du der Organisation der Zeugen Jehovas die Treue geschworen. Du weißt um die Konsequenzen Bescheid. Du weißt nicht nur, dass ein Gemeinschaftsentzug soziale Isolation bedeutet, sondern auch, dass Kontakt zum Kind gleichbedeutend sein könnte mit dem Zerreißen deines Tickets ins Paradies. Du musst dich entscheiden: Opferst du dein Verhältnis zu deinem Kind, oder opferst du dich selbst?

Oder stell dir vor, du bist Zeuge Jehovas, hast aber den einen oder anderen Zweifel an der Lehre, oder an der Organisation selbst, hast eine eigene Meinung zur Interpretation der Bibel. Du weißt, dass die sogenannte Abtrünnigkeit und das Widersprechen der offiziellen Exegese mit einem Gemeinschaftsentzug bestraft werden kann, der zur Folge hätte, dass sich deine Familie und deine Freunde von dir abwenden und du manche von ihnen nie wieder sehen wirst. Was wirst du tun? Was ist dir die Freiheit wert? Ist das eine Entscheidungsfindung, die ohne massiven psychischen Druck, ohne emotionale Erpressung stattfindet?

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Drohgebärde des Gemeinschaftsentzugs wirkt. Sie schwebt quasi wie eine dunkle Wolke über einem, wenn man zu jenen gehört, deren Lebensstil nicht hundertprozentig an der reinen Lehre ausgerichtet ist, oder man gar Zweifel an der Lehre hat.

Der Gemeinschaftsentzug wirkt als Abschreckung, das weiß ich von mir und anderen, und er wird auch in den meisten Fällen konsequent durchgezogen. Ich bin da aber nicht nur unschuldiges Opfer. Ich habe da ja auch mitgemacht. Bereits im Kindesalter habe ich erlebt, wie Mitglieder ausgeschlossen wurden, und mir wurde als Kind schon eingebläut, jeglichen Kontakt zu meiden. Das habe ich getan. Ich war in der Hinsicht braver Sektensoldat und habe an einer Praxis mitgewirkt, die ich aus heutiger Sicht Psychoterror nennen würde.

Die Praxis förderte auch allerlei Synapsenverrenkungen zu Tage. Schließlich reizten gerade wir jungen Zeugen Jehovas die Grauzonen des Glaubens aus, und es war nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer von uns eine der vielen roten Linien übertreten würde. Wie umgehen damit, wenn einer von uns plötzlich ausgeschlossen war? Was bedeutete es genau, kein Umgang? Wirklich null? Oder war ein bisschen Smalltalk ok? Klar, gemeinsam Fußball, Kino, Kneipe war da nicht mehr drin – aber wenn man sich zufällig traf? Kurzes Gespräch vielleicht? Auch nicht? Und wenn man das bisschen Bolzen dazu nutzte, die Person zu ermuntern zurückzukehren? Hm, ok. Aber wenn die Person nun in Not war, durfte man dann ihr Leben retten? Aber schweigend, oder? Blickkontakt erlaubt? Wie lange darf man ihn halten?

Was wie ein erzwungener Gag klingt waren reale Fragen, mit denen man sich beschäftigt hat. Wenn die eigenen Freunde auf einmal noch unerwünschterer Umgang sind als die Nicht-Zeugen-Jehovas Klassenkameraden, ist das nicht so einfach. Das waren ja oft Menschen, die man sein ganzes Leben gekannt hatte. Mit denen man aufgewachsen war.

Plötzlich waren sie schlimmer als Fremde. In meiner Versammlung, wie Gemeinden bei den Zeugen heißen, wurden im Laufe der Zeit allein in einer Familie zwei von drei Kindern ausgeschlossen. In meiner Familie einer von zwei Brüdern. Viele der anderen Kinder hatten sich gar nicht erst taufen lassen, konnten sich folglich nicht ausschließen lassen, galten aber trotzdem als Personas non grata.

Klar, wenn es sich nicht vermeiden ließ und Blickkontakt hergestellt wurde, hat man freundlich aber distanziert genickt. Das war das Höchste der Gefühle. Anders war es natürlich, wenn man gezwungen war, Kontakt zu haben. In der Zeit nach meinem Ausschluss arbeitete ich in der Marketing-Abteilung einer Sparkasse. In einer Filiale arbeitete ein Ältester der örtlichen Gemeinde. Selbstverständlich hatte man ihn schon längst informiert, dass ein Ausgeschlossener nun sein Arbeitskollege war. Und es ließ sich nicht vermeiden, dass wir im beruflichen Kontext Kontakt hatten. Es waren, sagen wir, sehr weirde Gespräche. Ich hasse Small Talk, aber wenn man sogar Small Talk vermeiden muss, führt fast gar kein Weg mehr an Small Talk vorbei. Man konnte die Höflichkeit im Raum schneiden. Die Frauen von Stepford wären neidisch auf sein Lächeln gewesen.

Übrigens, die Rahmenbedingungen des Kontakts zu Ausgeschlossenen sind mittlerweile ziemlich klar definiert – und sehr eng gesteckt. In Bezug auf ausgeschlossene Familienmitglieder heißt es:

“Suchen wir nicht nach Ausreden, um mit ausgeschlossenen Familienmitgliedern in Kontakt zu treten, beispielsweise über E-Mail.”[4]

Wenn’s schon bei Familien so eng gesehen wird, kann man sich ja vorstellen, wie es bei Freunden oder losen Bekannten sein soll.

Aber warum praktizieren die Zeugen Jehovas den Gemeinschaftsentzug? Und warum funktioniert er?

Wie bereits angedeutet wird ein Zeuge Jehovas “ausgeschlossen, wenn zwei Faktoren zutreffen. Erstens, er begeht eine schwere Sünde. Und zweitens, er bereut sie nicht.”[5]

In einem Wachtturm, einem Magazin der Zeugen, werden Gründe für den Gemeinschaftsentzug aufgeführt.[6]

Es geht darum, die Versammlung rein zu halten. Ein reueloser Sünder bringt, so die Zeugen, Schande über die Gemeinschaft. Durch den Gemeinschaftsentzug verteidige man die Ehre Gottes.

Ferner möchte man mit der Maßnahme die Ausgeschlossenen zur Besinnung bringen. Der Artikel verweist auf die Geschichte des “verlorenen Sohnes” und schreibt:

“Ähnlich wie im Gleichnis merken Ausgeschlossene vielleicht, was sie verloren haben: die Versammlung, also ihre geistige Familie. Was könnte sie zur Besinnung bringen? Zum einen die traurigen Folgen ihres sündigen Lebenswandels und zum anderen die schönen Erinnerungen aus der Zeit, als sie noch ein gutes Verhältnis zu Jehova und zu seinem Volk hatten.”

Nie um eine absurde Metapher verlegen, illustriert der Wachtturm die Maßnahme des Gemeinschaftsentzuges folgendermaßen, Zitat:

“Stellen wir uns einen Wanderer vor, der an einem kalten Wintertag völlig erschöpft zusammenbricht. Durch die Unterkühlung wird er immer schläfriger und sollte er im Schnee einschlafen, stirbt er. Während sein Begleiter auf die Rettungsmannschaft wartet, versucht dieser, ihn mit gelegentlichen Schlägen ins Gesicht wachzuhalten. Die Schläge mögen zwar wehtun, aber sie können sein Leben retten.”

Die tragische Ironie ist ja, dass ein Gemeinschaftsentzug tatsächlich wie ein Schlag ins Gesicht ist für die Betroffenen: Man versucht, sie durch soziale Isolation emotional zu erpressen, um sie zur Rückkehr zu bewegen.

Aber funktioniert das? Dazu muss man wissen: Bei den Zeugen Jehovas wird man dazu angehalten, sein soziales Umfeld innerhalb der Glaubensgemeinschaft zu suchen. Man soll enge zwischenmenschliche Beziehungen mit Andersdenkenden so gut es geht vermeiden. Was eben dann auch bedeutet, dass viele Aussteiger und Ausgeschlossene in ein soziales Loch fallen, keinen Anschluss haben, ihr komplettes Umfeld verlieren.

Das wissen die meisten, und das schreckt viele ab, diesen Schritt zu gehen. Aber wenn sie den Schritt wagen, verlieren sie in der Regel alles, was ihnen lieb ist, vor allem: Familie und Freunde. Viele ehemalige Zeugen Jehovas verlassen die Gruppe mit einer post-traumatischen Belastungsstörung. Manche sind suizidal, erkranken an chronischer Depression, sind über Jahre therapiebedürftig.

Als es darum ging, ob die Zeugen Jehovas den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zugesprochen bekommen, hatten die Gerichte in Deutschland aufzuklären, ob die Zeugen Jehovas gegenüber in der Gemeinschaft verbliebenen Familienmitgliedern Druck ausüben, dass der Kontakt auf das „absolut Notwendige“ beschränkt oder sogar aufgegeben werde.

Persönlich bin ich der Meinung, dass die Sachlage eindeutig ist.

Ein berechtigter Einwand, den ich in diesem Zusammenhang häufig höre ist: Ok, die Zitate und die Regeln kenne ich jetzt, das klingt übel, aber das wird doch nicht alles eins zu eins so umgesetzt, oder? Ich verstehe den Einwand, weil die meisten Menschen nur Schönwetter-Christen aus Lager der Katholiken oder Protestanten kennen. Menschen, die sich als gläubig bezeichnen, aber das Ganze nicht so super ernst nehmen, mehr die schönen Seiten des Glaubens hochhalten und das Negative ignorieren.

Aber das ist bei den Zeugen Jehovas anders. Sie nehmen das Zeugen-Game sehr, sehr ernst. Sie haben eine strenge Bibel-Auslegung, aber noch schlimmer: die Mitglieder praktizieren eine höchst toxische Nibelungentreue gegenüber der Glaubensführung. Natürlich gibt es manche, die die Grenzen dehnen und etwas laxer mit Regeln umgehen, aber im Schnitt setzen die Mitglieder eins zu eins das um, was ihnen im Wachtturm und anderer Literatur vorgesetzt wird. So auch der Gemeinschaftsentzug. In meinen 20 Jahren bei den Zeugen Jehovas habe ich nur ein oder zwei Personen kennengelernt, die das entspannter interpretiert haben.

Unzählige Ex-Zeugen Jehovas können bezeugen, dass der Gemeinschaftsentzug rigoros praktiziert wird. Ein Beispiel für die Kaltblütigkeit, mit der dabei vorgegangen wird, kann Lloyd Evans aus seiner Zeit als Gemeinde-Ältester bringen.

Denn der Gemeinschaftsentzug ist nicht die einzige Form der sozialen Ächtung im Strafenkatalog der Zeugen Jehovas. Die Vorstufe dazu ist das sogenannte “bezeichnet halten” eines Sünders.

Bezeichnet halten. Eine Art Abmahnung, die zum Tragen kommt, wenn der Sündenfall nicht eines Gemeinschaftsentzuges würdig ist – wobei Pranger vermutlich die treffendere Beschreibung ist. Der Wachtturm erklärt die Maßnahme:

“Zuerst versuchen die Ältesten mehrmals, der betreffenden Person zu helfen, indem sie sie ermahnen. Bleibt das Problem bestehen, dann können sie, ohne die Person beim Namen zu nennen, vor der Versammlung eine warnende Ansprache über einen solchen unordentlichen Lebenswandel halten. Danach halten die einzelnen Christen die irregehende Person „bezeichnet“. Das Bezeichnen hat unter anderem den Zweck, daß ein unordentlicher Christ beschämt wird und seinen unbiblischen Lebenswandel aufgibt.[7] […] Deshalb hören die Brüder auf, mehr als nötig Umgang mit ihnen zu haben.”[8]

Lloyd Evans bezeugte in unserem Gespräch, dass diese Praxis eins zu eins umgesetzt wird. Zwei Mitglieder seiner Versammlung gingen miteinander aus. Allerdings war die Frau noch nicht geschieden, und so erfüllte das Paar nicht die Voraussetzungen, heiraten zu dürfen. Das Paar wurde zur Strafe von den Ältesten “bezeichnet” gehalten. Lloyd nennt die Maßnahme einen Gemeinschaftsentzug light. Als sich ein Mitglied der Versammlung nicht an die Ächtung hielt und weiterhin Kontakt zu den “Bezeichneten” pflegte, war es Lloyds Aufgabe, ihm mit seiner Degradierung und Aberkennung seines Dienstamtes zu drohen. Lloyd sagt, dass er sich für nichts mehr schämt.

Dank stiller Post ist den meisten in der Versammlung trotz anonymem Vortrag klar, um wen es geht. Und diese Person wird dann außerhalb des Königreichssaals gemieden. Als ich mal über einen längeren Zeitraum mit einer Nicht-Zeugin Jehovas zusammen war, drohte mir diese Maßnahme. Die Beziehung endete und ich blieb die restliche Zeit bis zu meinem Gemeinschaftsentzug unbezeichnet.[9] Und dieser ist, wie wir wissen, gleichbedeutend mit totaler sozialer Isolation, die auch für Familienmitglieder gilt.

Regina Spiess ist Sektenexpertin aus der Schweiz und kennt die Zeugen Jehovas in- und auswendig. In einem Interview mit der Schweizer Zeitung Tagesanzeiger beschrieb sie die Praxis des Gemeinschaftsentzugs als “eine Art von oben verordnetes Mobbing. Es verstößt gegen Menschenrechte und Verfassung, wenn Familien und Beziehungen auf Druck von aussen auseinandergerissen werden.”[10]

Wegen dieser und anderer Aussagen wurde Regina Spiess von den Zeugen Jehovas in der Schweiz verklagt. Frau Spiess gewann den Prozess, das Gericht wertete ihre Aussagen als zulässig.

Im Prozess um den Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts jedoch gab es aus Sicht der Richter keine objektiven Anhaltspunkte für derartige familienfeindliche Verhaltensanweisungen. Sie sahen keinen Grund, Aussagen von Ex-Zeugen Jehovas anzuhören. Sie entschieden, dass die Jehovas Zeugen in Deutschland eine normale Kirche seien – keine Sekte.

UPDATE: Dem Verein JW Opferhilfe e.V. liegen Informationen zum Prozess vor, die darauf hinweisen, dass „die hier enthaltenen Angaben mit dem dem Religionsrecht der Gemeinschaft und dem tatsächlichen Verhalten nur wenig gemein haben, sondern im Hinblick auf die Prüfkriterien des Bundesverwaltungsgerichts (Zurückverweisungsurteil vom 17.05.2001 – Az.: 7 C 1.01 , Orientierungssatz – juris) angepasst und schön gefärbt wurden.“[18]

Der Ex-Zeuge Jehovas Oliver Wolschke sieht das anders. In seinem lesenswerten Blog hat er die Glaubensgemeinschaft anhand des BITE-Modells des Sektenexperten Steven Hassan analysiert.[11] Im BITE-Modell werden Gemeinschaften anhand ihrer Kontrolle über Verhalten, Information, Gedanken und Gefühle beurteilt. Die meisten Punkte treffen auf die Zeugen Jehovas zu, so auch der, dass die Glaubensgemeinschaft Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen nimmt.[12]

In der Checkliste der Sekten-Info NRW finden sich Merkmale, anhand derer man eine Indikation erhält, ob es sich bei einer untersuchten Gruppe um eine Sekte handelt. Zwei dieser Merkmale:[13]

  • Die Gruppe grenzt sich von der übrigen Welt ab und nimmt eine strenge Reglementierung zwischenmenschlicher Beziehungen vor.
  • Die Gruppe will, dass ich alle „alte“ Beziehungen abbreche, weil sie meine Entwicklung behindern.

Zwei Mal Check für die Zeugen. Darüber hinaus trifft der Großteil der 17 Checklistenpunkte auf sie zu. Ich werde auf einige im Laufe dieses Podcasts gesondert eingehen, aber fürs Erste erlaube ich mir die Feststellung, dass sehr vieles mindestens darauf hindeutet, dass wir es bei den Zeugen Jehovas mit einer Sekte zu tun haben. Darüber kann auch das Feigenblatt der Körperschaft des öffentlichen Rechts nicht hinwegtäuschen. Meine persönliche Meinung ist eindeutig: Ja, sie sind eine Sekte.

Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Kirchen-Status hat auch der Abgeordnete Dr. Ulrich Groll im Baden-Württembergischen Landtag. Per Dezember 2019 hat er einen Antrag gestellt mit der Bitte um Stellungnahme hinsichtlich aktueller Erkenntnisse im Hinblick auf den Status der Zeugen Jehovas als Körperschaft des öffentlichen Rechts, vor allem in Bezug auf den “Umgang mit ehemaligen bzw. ausgetretenen Mitgliedern („Abtrünnigen“), insbesondere die soziale Isolation und Ausgrenzung auch enger Familienangehöriger.”[14] Auch, wenn eine Rücknahme des Status unwahrscheinlich ist, so stellt allein schon Umstand, dass immer mehr Menschen hinter die gutbürgerliche Fassade blicken und Gehör in der Politik finden ein Fortschritt dar.

Was macht die Zeugen Jehovas aus? Warum fallen so viele Menschen darauf ein? Warum habe ich so lange gebraucht, mich zu befreien? Mich persönlich interessiert meist mehr die Frage, warum Menschen glauben, als die Frage, was sie glauben. Wir werden beide betrachten.

Wie eingangs festgestellt kennt so gut wie jeder die Zeugen, aber es gibt eben auch eine Menge Halbwissen oder gar Irrtümer, die im Umlauf sind. Ich hoffe, mit diesem Podcast zur Aufklärung beitragen zu können.

Natürlich, ich bin voreingenommen, gar keine Frage. Als jemand dessen Familie am Gemeinschaftsentzug zerbrochen ist, als jemand der die Hälfte seines bisherigen Lebens der Glaubensgemeinschaft unfreiwillig opfern musste, habe ich, gelinde gesagt, Vorurteile. Ich bin nicht objektiv. Aber das sind die Zeugen Jehovas auf deiner Fußmatte auch nicht. Dieser Podcast ist eine Möglichkeit, mal die andere Seite, meine Seite, die eines Aussteigers zu hören.

Denn ob Sekte oder nicht, klar ist: harmlose Sonderlinge sind die Jehovas Zeugen in keinem Fall. So stufte jüngst erst ein schwedisches Gericht Filme der Organisation, die an Kinder gerichtet sind, als jugendgefährdend ein.[15] Unter anderem wurde den Filmen vorgeworfen, Homosexuelle diskriminiert und Kinder mit Weltuntergangs-Botschaften eingeschüchtert zu haben.

Dieses Jahr wird mein Nicht-Zeugen-Jehovas-Ich 18. Zum 18. Mal jährt sich im Dezember 2020 mein persönlicher Gemeinschaftsentzug, und was kann man sich zur Volljährigkeit Schöneres schenken als einen Podcast. Über den Tag, an dem ich die bekannteste Sekte der Welt verließ berichte ich ausführlich in meinem Buch “Goodbye, Jehova!”, erschienen bei Rowohlt.

Hier im Podcast möchte ich über das Buch hinaus weitere Anekdoten und Geschichten erzählen aus meiner Zeit bei den Zeugen und über die Zeit danach, samt spannender Einblicke hinter die Kulissen. Auch, wenn ich vieles aus der Zeit überwunden habe, so ganz wird mich das Thema wohl nie loslassen.

Der weltbekannte, rote, viereinhalb Meter große Watchtower-Schriftzug auf der ehemaligen und mittlerweile verkauften Zentrale der Zeugen Jehovas in Brooklyn ist verschwunden.[16] Die neuen Besitzer haben neue Buchstaben derselben Schrift aufgestellt: Statt “Watchtower” leuchtet jetzt in strahlendem rot “Welcome” über New York.[17] Es fühlt sich wie Hoffnung an.

In der nächsten Folge von Goodbye, Jehova! Der Podcast über die bekannteste Sekte der Welt:

Auch ich musste im Rahmen des Predigtdienstes von Tür zu Tür gehen und in der Fußgängerzone Wachttürme und Erwachets feilbieten. Warum machen die Zeugen das? Und machen wirklich alle Zeugen mit? Macht denen das Spaß? Warum betrachten manche den Syrienkrieg als Segen? Und wie gefährlich ist der Predigtdienst – für sie und für dich?