002 Wir wollen nur deine Seele – Zeugen Jehovas und ihr Predigtdienst

Warum stehen die Zeugen Jehovas immer wieder vor deiner Tür? Macht ihnen das Predigen Spaß? Wer ist die Zielgruppe? Und wie gefährlich ist der Predigtdienst? In der zweiten Folge des neuen Zeugen Jehovas-Podcasts Goodbye, Jehova! Der Podcast über die bekannteste Sekte der Welt gehe ich diesen Fragen nach.

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Buch: Goodbye, Jehova! Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ

Musik: Miles Matrix – Entity Relationship Diagram

Eine Abschrift der Folge inklusive aller Links und Quellen findest du im

Transkript

Goodbye, Jehova! Der Podcast über die bekannteste Sekte der Welt. Geschichten und Anekdoten über die Zeugen Jehovas von einem, der dabei war. Ein kurioser, lustiger, trauriger, aufklärender Blick hinter die Kulissen einer sonderbaren Parallelwelt von Misha Verollet, Autor des Buches Goodbye, Jehova!

Folge 2: Wir wollen nur deine Seele – Zeugen Jehovas und ihr Predigtdienst

Jehovas Zeugen rekrutieren ihre Mitglieder auf zwei Arten. Zum einen bekehren sie Menschen, zum anderen zeugen Zeugen Zeugen. An diesem Gag habe ich sehr lange gearbeitet.

Letztere Variante trifft auf mich zu. Ich wurde in die Wahrheit hineingeboren. Die Wahrheit, so nennt man den Glauben intern, wenn man miteinander spricht. Ein völlig normaler Dialog unter Zeugen läuft zum Beispiel so ab:

„Hey, seit wann bist du schon in der Wahrheit?“

„Ich wurde 1998 getauft, aber die Wahrheit kennengelernt habe ich schon viele Jahre zuvor.“

Oder:

„Ist es nicht ein Segen, in der Wahrheit zu sein?“

„Bruder, die Wahrheit ist das Beste.“

Völlig normale Dialoge also, und leider nicht ausgedacht.

Man kann also theoretisch fremde Menschen bekehren und in die Wahrheit bringen, aber es ist natürlich viel einfacher, eine Person, die man von Kindesbeinen an indoktriniert und gehirngewaschen hat zu einem neuen Zeugen zu machen. Neue Zeugen zu zeugen entbindet einen dann auch leider nicht von der Pflicht, fremde Menschen zu bekehren und zu versuchen, sie zur Taufe zu bewegen.

Die Taufe ist das Endziel des Predigtdienstes. Wer sich taufen lässt, ist so richtig in der Wahrheit drin. Bis dahin ist es aber ein langer Weg. In meinem Buch Goodbye, Jehova! beschreibe ich diesen Weg in aller Ausführlichkeit, daher will ich mich hier auf das Gröbste beschränken.

Handelt es sich bei der Taufe also um das Endziel, so ist der Besuch an deiner Tür der erste Schritt dahin. Klassische Kaltakquise, die in einem Werbefunnel mündet, einer Customer Journey, die Marketer vor Neid erblassen lässt.

Alles beginnt natürlich mit der traditionellen Awareness-Phase, da geht’s vor allem um Reichweite, es wird versucht so viele unique user wie möglich zu erreichen, im Wohngebiet, aber auch an anderen Plätzen, Erstkontakte herstellen, Impressionen sammeln, Interesse ausloten. Die Frequenz ist natürlich wichtig, also wird man öfter vorstellig, selbst wenn Ablehnung oder Interesse da war, man hofft ein wenig auf den Mere-Exposure-Effekt, dass die wiederholte Wahrnehmung zu einer positiven Bewertung führt.

Dann geht’s ans Retargeting in der Consideration-Phase. Zu meiner Zeit haben wir ausführliche Notizen über unsere Besuche gemacht. Wie tickt der Hausbewohner? Was ist ihm wichtig? Worüber haben wir geredet? Wie war die Einrichtung? Hat er Familie? Alles Infos, die wir genutzt haben, um den Personen beim nächsten Besuch eine maßgeschneiderte Botschaft mitzubringen, die hoffentlich das Eis brach. Heutzutage gibt es diese Aufzeichnungen nicht mehr, Datenschutz sei Dank.

Wenn man Glück hatte, schloss die Person ein kostenloses Abo für Wachtturm und Erwachet ab, und man konnte dann regelmäßig vorbeischauen. Praktisch vor allem bei Regenwetter, oder wenn man mal keine Lust hatte. Spoiler: Ich hatte sehr oft keine Lust, aber genausowenig hatte ich Lust auf ausführliche Gespräche. Eigentlich war das sogar meine größte Sorge, dass jemand an der Tür tatsächlich mal Interesse hatte und einen hereinbat.

In der Serie “Black Books” gibt es eine Szene, in der der Protagonist, ein Buchhändler, frustriert an seiner Steuererklärung sitzt. Er prokrastiniert und bitte deshalb zwei Zeugen Jehovas herein. Die beiden sind überrascht und völlig überfordert mit der Situation, da eine solche Einladung nicht so oft vorkommt. Sie wissen in der Szene dann auch nicht so recht, wie es weitergehen soll, da man meist nur bis zur Ablehnung komme.

Natürlich ist die Szene überspitzt, aber da steckt mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit drin. Wenn ich an der Reihe war, habe ich immer gehofft, dass die Tür zu bleibt, oder dass die Person wenigstens desinteressiert war. Denn mehr als den auswendig gelernten Einstieg hatte ich nicht wirklich zu bieten. Andererseits war eine regelmäßige Besuchsstation ein willkommener Anlass, Zeit zu schinden – sofern die Person einen mehrheitlich aus Mitleid einlud und nur halbgares, höfliches Interesse zeigte.

Je nachdem wie diese regelmäßigen Besuche laufen folgt dann die Conversion-Phase, also die Konvertierung. Man veranstaltet mit der Zielperson ein kostenloses Heimbibelstudium, wobei kostenlos ist hier nichts, wie wir aus der ersten Folge wissen, der Preis, ein Zeuge zu sein ist recht hoch. Auch Bibel-Studium ist relativ, zumindest war das zu meiner Zeit so, aber es dürfte noch immer so sein: Das Studium erfolgte auf Basis von Zeugen Jehovas-Büchern, die wiederum aus der Bibel zitierten und die Zitate in einen uns genehmen Kontext betteten.

Generell studiert man bei den Zeugen die Bibel vor allem anhand der eigenen Sekundärliteratur. Man steckt die Nase im Schnitt viel häufiger in die Sekundärliteratur als in die Bibel. Klar, die Bibel liest man, das wird auch erwartet, gern auch mehrmals, überhaupt ist die Bibel Bestandteil jeder Zusammenkunft der Zeugen Jehovas. Man kann ihnen vieles vorwerfen, aber sicherlich nicht, dass die Bibel nicht zum Einsatz kommt. Es hängt auch in jedem Königreichssaal eine Jahreslosung mit dem Bibelvers des Jahres. Jeder Studien-Artikel und jedes Studienbuch enthält in so gut wie jedem Absatz mindestens einen Bibeltext, einen Bibelverweis, manchmal sogar mehr. Es gibt eine kleine Broschüre, die man beim Frühstück lesen soll, man muss sie sich ein bisschen wie so einen Abreißkalender mit täglichen Sprüchen vorstellen, bloß mit täglichen Bibelversen, und darunter folgt dann die Interpretation der Glaubensführung, auch bekannt als Leitende Körperschaft oder der treue und verständige Sklave. Ja, das denke ich mir nicht aus – mehr dazu in meinem Buch.[1] Auf jeden Fall ist die Meinung des Treuen und verständigen Sklaven maßgeblich.

Und das ist der springende Punkt. Wenn ich davon rede, dass die Sekundärliteratur stärker im Fokus steht, dann geht es darum, dass die Exegese unterm Strich wichtiger ist als die Bibel-Lektüre, so habe ich das empfunden.

Bibel ja, aber die Interpretation, die soll nicht freestyle erfolgen – die bekommt man vorgesetzt in den von der Wachtturm-Gesellschaft herausgegebenen Zeitschriften, Broschüren und Büchern. Eine Turnkey-Solution im Prinzip, man muss nicht viel selber denken. Von eigener Exegese wird dringend abgeraten. So gab es in der Literatur mal einen Fragekasten, in dem gefragt wurde:

“Billigt es „der treue und verständige Sklave“, wenn sich Zeugen Jehovas eigenständig zusammentun, um biblische Themen zu untersuchen und zu debattieren?”

Die Antwort:

“Nein.”

Und weiter:

“Gottes Volk erhält in den Versammlungszusammenkünften und auf Kongressen sowie durch die Veröffentlichungen der Organisation Jehovas überall auf der Welt reichlich biblische Schulung und Ermunterung. (…) Daher billigt der „treue und verständige Sklave“ keinerlei Literatur, keine Websites und keine Treffen, die nicht unter seiner Leitung hergestellt oder organisiert werden.”[2]

Aus gutem Grund: Bart Ehrman, einer der profiliertesten und angesehensten Bibelkenner, Autor von über 30 Büchern über das Neue Testament, ein Mann, der sich eigenständig zusammentat, um biblische Themen zu untersuchen, ein Mann also, der die Bibel kennt wie kein zweiter, dieser Mann ist Agnostiker und Atheist.[3] Das muss man mal sacken lassen und vielleicht auch drüber nachdenken.

In der Conversionphase also studiert man gemeinsam mit der Zielperson die Bibel und kämpft sich durch die Sekundärliteratur, und wenn man diesen Prozess nicht rechtzeitig abbricht, wird einem irgendwann die Frage gestellt, ob man nicht selber mal bei diesem Predigtdienst mitmachen möchte. Lautet die Antwort ja, ist man eine Verkündigerin oder Verkündiger der guten Botschaft, zunächst ungetauft, später, wenn man die Kurve nicht kriegt, eine oder ein getaufte*r. Zumindest hieß ich damals noch Verkündiger, mittlerweile ist man gar “Bibellehrer”.[4]

Für Mitglieder der Zeugen Jehovas, unabhängig davon, ob sie getauft sind oder nicht, also für Menschen, die sich zu den Jehovas Zeugen bekennen ist die Teilnahme am Predigtdienst verpflichtend. Ein paar Zitate aus der Literatur der Jehovas Zeugen:

“Wenn du weißt, daß Gottes Wort den Predigtdienst allen, die behaupten, Nachfolger Christi zu sein, zur Pflicht macht, erachtest du ihn dann für die wichtigste Sache in deinem Leben?”[5]

“Es obliegt uns tatsächlich eine Pflicht, am Predigtdienste teilzunehmen.”[6]

“Die Bibel enthält Antworten (…) und es ist uns Pflicht und Ehre, sie jedem mitzuteilen, der sie hören will.”[7]

“Es ist unsere ehrenvolle Pflicht, von Haus zu Haus, in der Öffentlichkeit und informell zu predigen”[8]

“Für jemand, der Jehova und seinen Nächsten wirklich liebt, ist die Verkündigung des Königreiches keine lästige Pflicht, sondern ein großes Vorrecht, das er freudig wahrnimmt.”[9]

Gerade das letzte Zitat illustriert ganz gut, welchem Druck man als Zeuge Jehovas ausgesetzt ist. Im Prinzip schon eine Art emotionaler Erpressung: Du gehst nicht gern in den Predigtdienst? Du hast keine Freude daran? Für dich ist es eine lästige Pflicht? Dann scheinst du Gott, Jehova, nicht wirklich zu lieben.

Ich weiß nicht, ob es möglich ist, im Rahmen eines Podcasts eindrücklich vermitteln zu können, wie essentiell für Zeugen Jehovas ein ungetrübtes Verhältnis zu Jehova ist. Im Prinzip funktioniert die komplette Gefügigmachung der Mitglieder über diesen Hebel: Man lernt schon als Kind, dass Gottes Zufriedenheit wichtiger ist als alles andere, dass es überlebenswichtig ist, Gott glücklich zu machen und die Liebe zu ihm zu beweisen, weil das eigene Leben dran hängt, das eigene Überleben.

Sofern man jung und gesund ist, ist die Formel einfach: Je mehr Predigtdienst, desto mehr Liebe zu Jehova, desto größer die Chance, dass man Gottes Gunst genießt.

Wie sehr man Jehova liebt, lässt sich an den Stunden ablesen, die man monatlich im Predigtdienst ableistet. Die erfasst man im persönlichen Predigtdienstbericht. Diesen Bericht, eine Information über den eigenen Predigtdiensteinsatz, gibt man ab.

Auf der Website der Zeugen erhält man unter “Verwendung personenbezogener Daten” einen Hinweis darauf, was mit diesen Informationen passiert:

“Personenbezogene Daten können (…) Informationen hinsichtlich des geistigen Standes, des Predigtdiensteinsatzes oder irgendeiner Funktion, die innerhalb von Jehovas Zeugen ausgeübt wird. Die Daten schließen Informationen ein, die die religiösen Überzeugungen des Verkündigers erkennen lassen.”[10]

Das ist jetzt meine ganz persönliche Interpretation, aber das liest sich für mich so, als würden Jehovas Zeugen aus dem Predigtdiensteinsatz des Einzelnen den Grad der religiösen Überzeugung der Person ableiten. Oder wie es in der Literatur heißt:

“Wer im Dienst für Jehova sein Bestes gibt, beweist, dass er Gott und seinen Nächsten liebt, und hat ein reines Gewissen.”[11]

Die Frage also, weshalb Zeugen Jehovas vor deiner Haustür und an öffentlichen Plätzen stehen und predigen, könnte sich so beantworten lassen: Weil sie es müssen.

Aber warum predigen sie? Also, als Organisation? Was ist die ideologische Motivation?

Beginnen wir mit einem vielsagenden Zitat:

“Wer sich im Rahmen seiner Möglichkeiten am Predigen beteiligt, vermeidet, Blutschuld auf sich zu laden.”[12]

Blutschuld. Das suggeriert, dass Leben auf dem Spiel stehen. Und tatsächlich glauben Jehovas Zeugen, dass in Kürze sehr, sehr viele Menschen sterben werden. Daher kommt ihr Ruf, eine Weltuntergangssekte zu sein. Sie glauben zwar nicht, dass die Erde als solche vernichtet wird – aber das System der Dinge, wie sie es nennen. Regierungen, Kirchen, Organisationen, böse Menschen, generell Sünder. Das jüngste Gericht eben, die Apokalypse, oder wie sie es nennen: Armageddon. Sie schreiben:

“Warum predigen wir? Wir warnen unsere Mitmenschen. Heute predigen wir die Königreichsbotschaft und erklären den Menschen, was Jehova für die Zukunft vorgesehen hat. Wie er wünschen wir uns, dass sie auf die Botschaft hören und ‘am Leben bleiben’ (Hes. 18:23). Gleichzeitig warnen wir im Dienst von Haus zu Haus oder in der Öffentlichkeit davor, dass Gottes Königreich dieser gottlosen Welt ein Ende machen wird.”[13]

Überleben wird nur, wer Gottes Gunst hat. Jehovas Zeugen sind überzeugt, den besten Weg gefunden zu haben, Gottes Gunst zu erlangen, nämlich: In der Wahrheit zu sein, also ein aktiver Zeuge Jehovas zu sein.

Wenn die Zeugen Jehovas also vor deiner Tür stehen, dann deshalb, weil sie dich retten wollen. Sie möchten, dass du Armageddon überlebst und ewiges Leben im Paradies auf der wiederhergestellten Erde genießen kannst. Das Paradies nach Vorstellung der Zeugen Jehovas muss man sich als ein Coldplay-Video vorstellen, das nie wieder aufhört. Ewiges Leben in einer völlig perfekten Welt mit völlig perfekten Menschen, für immer, und Chris Martin schmeißt dir Blumen ins Gesicht. Muss man mögen.

Ich will ehrlich sein. Ich wollte dich gar nicht so sehr retten. Du warst mir im Prinzip egal. Ich habe gepredigt, weil ich das Gefühl hatte, es zu müssen. Weil ich nicht sterben wollte. Also habe ich zugesehen, dass ich meine 10 Mindeststunden aufs Papier brachte.

Aus Gesprächen weiß ich, dass es vielen so geht. Also klar, man findet es schon gut, wenn nicht zu viele Menschen in Armageddon sterben. Aber dass man keine Blutschuld auf sich laden will ist weniger in einem persönlichen Interesse an dir begründet und mehr darin, dass je mehr Blutschuld, desto weniger eigenes Überleben. Man macht das also auch ein bisschen aus Selbstschutz.

Und um die Stunden vollzukriegen. So war es zumindest für mich, und wenn ich den Berichten anderer Ex-Zeugen Jehovas trauen darf, war und bin ich nicht der einzige.

Aber warum funktioniert das Konvertieren? Immerhin wissen wir aus der letzten Folge, dass es herbe Konsequenzen hat, wenn man wieder raus will.

Zunächst: Es funktioniert mehr schlecht als recht. Als Beispiel sei hier mal das Jahr 2019 hergenommen.[14] Weltweit investierten die Mitglieder Zeugen Jehovas 2.088.560.437 in den Predigtdienst und konnten 303.866 Menschen zur Taufe bewegen. Das sind 6.892 Stunden pro Konversion. Das ist ein fataler KPI oder Key Performance Indicator, wie man beispielsweise in der Werbung eines Erfolgskennzahl. Der ROI, der Return on Investment ist katastrophal. Zumal das Netto-Wachstum nur knapp 110 Tausend Neumitglieder betrug. Das bedeutet: Mehr Menschen verlassen die Zeugen Jehovas als neue hinzukommen.

In den meisten westlichen Staaten sehen sich die Zeugen mit einem Nullwachstum konfrontiert. Die Gesamtstatistik wird in den Entwicklungsländern sowie dort, wo Religiösität noch hoch im Kurs steht, gerettet. Indien, Uganda, Republik Kongo, Mali, Mosambik verzeichnen positives Wachstum. Kein Wunder also, dass man über jede*n froh ist, der oder die diesen Schritt wagt. So erzählt die Autorin und Ex-Zeugin Francis Bottany im Interview:

“In meinem Fall war es so, dass derjenige, der mich zu den Zeugen Jehovas brachte, Angst hatte, ich könne es mir vor der Taufe noch etwas anders überlegen und einen Rückzieher machen. Deshalb fuhr er mich persönlich zu dem Kongress, um zu überwachen, dass ich mich taufen ließ.”[15]

Wie kann man die Zielgruppe der Zeugen Jehovas beschreiben?

Personas sind Nutzermodelle, die Personen einer Zielgruppe in ihren Merkmalen charakterisieren. Die Werbung nutzt häufig solche Personas, um ihre Werbebotschaft zu entwickeln. Der Sektenexperte Andreas Fincke entwickelte in einem Interview mit der SZ eine Persona für die Zielgruppe der Zeugen Jehovas:

“Eine Sekte funktioniert über die Bedürftigkeit der Mitglieder. (…) Es gibt eben auch viele Menschen, die sich zu solchen Gruppen hingezogen fühlen, denen sie Halt und Geborgenheit verleihen. Menschen, die es brauchen, zu einem illustren Kreis dazuzugehören. Sie machen mit und sind schnell bereit, Scheuklappen aufzusetzen.”[16]

Zusammengefasst: Menschen in Not, Menschen auf der Suche, unsichere Menschen, einsame Menschen, Menschen, die anfällig sind für eine optimistische und esoterische Botschaft, und für das Lovebombing der Zeugen Jehovas. “Love Bombing bezeichnet das Phänomen, dass man am Anfang einer Beziehung mit Aufmerksamkeit und Zuneigung überschüttet wird”, aber im Prinzip ist es eine geschickte emotionale Manipulation.[17] In meinem Buch “Goodbye, Jehova! Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ” gehe ich ausführlich auf das Phänomen Lovebombing ein. Womit ich keineswegs sage, dass die Freundlichkeit der Zeugen Jehovas gespielt ist. Viele Zeugen Jehovas, die ich kannte, waren aufrichtig herzliche, freundliche Menschen. Man muss aber wissen, dass diese Freundlichkeit immer auch an eine Bedingung geknüpft ist.

Die eben zitierte Francis Bottany entsprach genau diesem Schema. Aus der Einleitung zu ihrem Interview:

“Francis ist in einem Heim aufgewachsen. Als sie dies mit 18 Jahren verlassen musste, fiel sie in ein tiefes Loch, sie hatte eine existentielle Krise. In dieser psychischen Verfassung geriet sie, gerade einmal 19 Jahre alt, an einen freundlichen Missionar, der – gut geschult – schnell erkannte, dass die junge Frau leichte Beute sein würde. Er plauderte ein wenig mit ihr, über dies und das, erfuhr auf diese Weise, dass sie Pferde mag.

‘Sehen Sie’, eröffnete er ihr lächelnd, ‘dann können Sie ja später im Paradies vielleicht ein Pferdegestüt leiten’. Diese Idee gefiel der jungen Frau, wie auch die Aufmerksamkeit, die der Missionar ihr schenkte. Er lud sie ein zum Studium der Bibel.”

Man sucht im Predigtdienst also, bewusst oder unbewusst, immer nach Menschen, die obengenannte Kriterien erfüllen.

Zu meiner Zeit, ich war in einer englisch-sprachigen Versammlung, sind wir deshalb auch gezielt in Flüchtlingsunterkünfte gegangen. Menschen vom afrikanischen Kontinent oder Englisch-Sprachler aus Asien, das waren die Personen, die wir suchten. Wir hatten Broschüren in einer Auswahl der häufig angetroffenen Sprachen dabei, sowie ein kleines Heft, in der eine Einstiegsbotschaft in so gut wie jeder Sprache dieser Erde zu finden war.

Ich möchte nur für mich und meine persönlichen Erfahrungen sprechen, aber es war in meinen Kreisen damals ein offenes Geheimnis, dass man die Notlage der Menschen ausnutzte. Wir haben es natürlich nicht ausnutzen genannt, klar, wir waren überzeugt, dass wir ihnen einen Gefallen tun. Als Jehovas Zeuge glaubt man, dass sich Gott noch Zeit lässt mit Armageddon, damit so viele Menschen wie möglich mit der guten Botschaft in Kontakt treten können. Aussagen von Ex-Zeugen zu Folge gab es sogar Mitglieder, die den syrischen Bürgerkrieg als Segen betrachteten, weil damit tausende von Menschen endlich die Gelegenheit bekämen, die Botschaft der Zeugen Jehovas kennenzulernen. Menschen, die ihr Hab und Gut und Zuhause, und vielleicht sogar Familien verloren und nach Europa geflüchtet waren.

Geflüchtete sind nach wie vor Zielgruppe der Zeugen Jehovas. Auf der Nachrichten-Website Watson war über die Schweiz zu lesen

“Fakt sei aber, dass die Gemeinschaft hierzulande nur dank ihrer fremdsprachigen Abteilungen wächst, sagt Sektenexperte Schmid: ‘Zahlreiche Menschen mit Migrationshintergrund suchen Anschluss, sind einsam und so für die Zuwendung durch die Zeugen Jehovas besonders empfänglich.’ Bei vielen Schweizern hingegen hätte die Glaubensgemeinschaft ein schlechtes Image.

Dass die Mehrheit der Albaner Muslime sind, spiele für die Gemeinschaft keine Rolle, so Schmid: ‘Die Zeugen Jehovas wollen alle Nicht-Mitglieder mit ihrer Botschaft erreichen. Ihnen ist es egal, ob jemand Atheist, Christ, Hindu oder Muslim ist. Laut ihnen sind wir alle auf dem falschen Weg und brauchen Hilfe.’”[18]

Aber wie gefährlich ist das Missionswerk der Zeugen für dich?

Vorweg: Wenn du nicht ultra anfällig bist für christlich-fundamentalistischen Hokus Pokus und nicht gerade verzweifelt auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und Anschluss an eine Community mit straff hierarchischer und doktrinärer Struktur, dann sind Besuche der Zeugen Jehovas an deiner Tür in der Regel völlig ungefährlich. Das Schlimmste, was dir im Schnitt passieren kann wenn du mit ihnen sprichst oder sie herein lässt ist, dass sie dir einen Knopf an die Backe labern und in Zukunft zurückkommen, weil sie deine Höflichkeit für Interesse halten – oder genau um dein eigentliches Desinteresse wissen, deine Höflichkeit aber als Vorwand nutzen, um bei dir die Uhr ein bisschen runterlaufen lassen zu können.

Ich sage bewusst in der Regel, weil es immer Ausnahmen gibt. Eine dieser Ausnahmen ist eine ernste Angelegenheit. In der Vergangenheit ist es vor allem in den Vereinigten Staaten vorgekommen, dass die Zeugen um einen Kindesmissbrauch Bescheid wussten, den Täter jedoch nur intern verurteilten. Die Behörden wurden nicht informiert.

In einem bekannten Fall wurde dem Täter sogar erlaubt, weiterhin seinem Predigtdienst nachzugehen. Sprich: Die Zeugen Jehovas wussten, dass sie einen Kindervergewaltiger in ihren Reihen hatten und ließen diesen auf Menschen – und potenziell Kinder – in der Nachbarschaft los.[19] [20]

Ein Einzelfall? Schwer zu sagen. So berichtete die Zeitschrift The Atlantic, dass die Jehovas Zeugen in den USA über zwei Dekaden eine geheime Datenbank aufgebaut hatten, in der alle ihnen aus den Gemeinden bekannten Kindesmissbraucher aufgelistet waren. Die Zeitschrift schätzt die Zahl auf über 18.000 – viele waren den Behörden nicht gemeldet worden.[21]

Dieser Bericht betrifft die USA. Ich weiß nicht, wie die Situation in Deutschland ist, vor allem aktuell, deshalb kann und möchte ich dazu nichts sagen.

Meine Erfahrung ist: Egal, wie sehr sie Kooperation mit den Behörden versprechen, am Ende geht es den Zeugen immer um den Schutz ihrer Gemeinschaft und ihres Rufes. Meiner persönlichen Einschätzung zufolge steht diese Agenda über allem. In einer Erwachet-Ausgabe ist zu lesen:

“Wahrheitsliebend zu sein bedeutet natürlich nicht, daß man verpflichtet ist, jedem bestimmte Informationen preiszugeben, der danach fragt. (…) Zum Beispiel haben Menschen, die schlechte Absichten verfolgen, oft nicht das Recht, gewisse Dinge zu erfahren. Christen wissen, daß sie in einer feindlichen Welt leben. Darum riet Jesus seinen Jüngern, „vorsichtig wie Schlangen“ zu sein und doch „unschuldig wie Tauben“ zu bleiben.”[22]

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigten die Zeugen in den USA: So zahlten sie lieber zwei Millionen Dollar Strafe, als einem Gericht ihre Kinderschänder-Datenbank auszuhändigen.

Die meisten Zeugen, die von Haus zu gehen, sind harmlos. Aber ja, Ausnahmen gibt es immer. Ich habe schon häufig gedacht, dass Zeugen Jehovas, die von Tür zu Tür gehen, eigentlich die perfekte Tarnung für Spione, Diebe, gar Serienkiller wären. Das wäre auch eine gute Prämisse für einen Film. Aber wieder mal hat die Realität längst die Fiktion eingeholt.

In Russland tötete ein Zeugen Jehovas-Paar über einen Zeitraum von neun Monaten 13 Personen im Bestreben, die Welt von Sündern zu befreien.[23] Ihre Opfer fanden sie im Predigtdienst von Haus zu Haus. Wahrscheinlich sind sie auch deshalb nicht früher aufgeflogen, weil niemand Zeugen Jehovas verdächtig findet, die Häuser besuchen. Wie gesagt: die perfekte Tarnung.

Ich kann versichern, dass das kein offizieller Auftrag war. Zeugen Jehovas sollen sich nicht aktiv an Gottes Vernichtungskrieg in Armageddon beteiligen. Ein Umstand, den ich als Kind sehr bedauerte. Mir gefiel die Vorstellung, am letzten Tag als Rächer Gottes Ungläubige zu töten. Zu dieser Fantasie trugen die sehr eindeutigen Illustrationen des jüngsten Gerichts in der Literatur bei – da konnte man ja nur auf den Geschmack kommen.

Manchmal ist es aber auch genau andersrum. Nicht jeder freut sich über Missionare an der Tür. Neben der staatlichen Verfolgung, denen Jehovas Zeugen manchmal ausgesetzt sind, ist der Predigtdienst auch im Alltag manchmal recht gefährlich.

Ich selber war nie in einer brenzligen Situation, aber mein Vater erzählte von einer Anekdote, bei der er einem Bauern ein Gespräch über die Bibel angeboten hatte. Der ältere Mann, nackter Oberkörper, braungebrannt, ein Hosenträger der Latzhose lässig herunterhängend, hörte schweigend zu. Dann bat er meinen Vater kurz zu warten, er müsse etwas aus dem Haus holen.

Als er zurückkam, rannte der Bauer mit einer Mistgabel auf meinen Vater zu. Mein Vater nahm die Beine in die Hand und trat die Flucht an. Aber der Bauer war schneller als er und die Mistgabel rückte immer näher. Ich weiß nicht, ob die Geschichte wirklich so passiert ist oder mein Vater sie zu meiner Unterhaltung und natürlich als Lehre ausgeschmückt hat, aber seiner Erzählung zu Folge betete er auf der Flucht vor dem Bauer um göttlichen Beistand – und angeblich passierte dann Folgendes: Wie durch ein Wunder rutschte auch der zweite Hosenträger herunter, der Bauer geriet ins Stolpern und mein Vater kam heil davon. Die Wege des Herrn sind wirklich unergründlich.

Und manchmal unfassbar tragisch. Im Februar 1985 wurde ein Agent der amerikanischen Drogenfahndung DEA von mexikanischen Kartellen entführt.[24] Enrique Kiki Camarena wurde tagelang gefoltert, bevor man ihn tötete.

Einige Tage zuvor schlenderten zwei junge amerikanische Männer in ein Restaurant in Guadalajara. Dummerweise feierte dort der Kartell-Boss Rafael Caro Quintero eine Privatparty. Da er sie für DEA-Agenten hielt, folterte und tötete er sie.[25]

Beide Ereignisse werden in Staffel 1 der Netflix-Serie Narcos: Mexiko dargestellt. Als ich die Serie schaute, hoffte ich, dass auch ein drittes Ereignis abgebildet werden würde, aber die Schöpfer der Serie entschieden sich dagegen.

Das tragische Ereignis, von dem ich spreche, spielte sich am 2. Dezember 1984 ab. Zwei US-Ehepaare, Rose und Dennis Carlson sowie Pat und Benjamin Mascarenas, alle um die dreißig Jahre alt, hielten sich in Guadalajara auf, um dort dem Predigtdienst nachzugehen. An jenem schicksalhaften Morgen gingen sie wie häufig von Tür zu Tür, auf der Suche nach Personen, mit denen sie über ihre Botschaft sprechen konnten.

Es sollte ihrer letzter Ausflug im Namen des Herrn werden. Hinter einer Tür wartete dem Vernehmen nach der Kartell-Capo Ernesto Fonseca Carillo, besser bekannt als Don Neto, ein Partner von Rafael Caro Quintero. Die notorisch paranoiden Drogenhändler verdächtigten die Zeugen Jehovas, Agenten der DEA zu sein. Auf Anweisung von Quintero sollen korrupte Polizisten die beiden dann entführt haben, bevor der Drogenboss sie zu Tode foltern ließ. Die Leichen wurden nie gefunden.[26] [27]

Das Aufregendste, was mir je passiert ist? Menschen, die in Unterwäsche oder gleich komplett nackt die Tür aufmachten.

In der nächsten Folge von Goodbye, Jehova! Der Podcast über die bekannteste Sekte der Welt:

Jehovas Zeugen sind als Weltuntergangssekte bekannt. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Eigentlich geht es ihnen um eine Welterneuerung. Was wird passieren? Und wie wird Armageddon aussehen? Und was macht das mit einen, wenn man in der ständigen Angst aufwächst, das schon morgen das jüngste Gericht sein könnte?

Mehr Infos zum Podcast und zum Buch auf www.zeugenjehovaspodcast.xyz